Zum Inhalt:
Der Cerevis
Unter dem Namen "Ritterbund von Oberberg", besteht ein korpsstudentischer Freundeskreis, dem vornehmlich Alt-Bodaner angehören. Er hat im Jahre 1998 sein 50-jähriges Bestehen gefeiert, und aus diesem Anlass eine Festschrift mit einer "Knappen-Fibel" zur allgemeinen Studentengeschichte herausgegeben.
Anlässlich eines denkwürdigen WACs sind diese beiden Schriften der AV Bodania feierlich übergeben worden. Das Interesse für die Geschichte des Studententums war so gross, dass der Ritterbund gerne dem Wunsch der Aktivitas nachkommt, das kleine Werk unter dem Namen "Fuchsenfibel" der Bodania zur Verfügung zu stellen. Mit Freude und den besten Wünschen für ein gedeihliches Verbindungsleben übergibt die Oberbergia diese erste Auflage der Aktivitas.
Wir sind überzeugt, dass die Kenntnis der Studentengeschichte vieles zum besseren Verständnis des überlieferten Brauchtums, des Bierkomments und der wunderschö- nen alten Studentenlieder beitragen kann.
Den Füchsen aber, die in Zukunft diese Schrift studieren und am Anfang ihrer studentischen Laufbahn stehen, wünschen wir viel Vergnügen an der alten Burschenherrlichkeit, die für uns Alt-Bodaner leider nur noch als frohe Erinnerung weiterlebt. Neben diesem Erinnern sind uns aber viele Freunde erhalten geblieben, die unser späteres Leben in hohem Masse bereichert haben.
Wir möchten Euch deshalb ermuntern, neben Brauchtum und Geschichte den Hauptzweck des fröhlichen Tuns nie zu vergessen, und die Freundschaft zu pflegen und zu bewahren, getreu der Devise.
St. Gallen, 1. Dezember 1998
Der Bundesfürst des
Der Verfasser
Ritterbundes von Oberberg
A. Bühlmann v/o Diät P. Angehrn v/o Philo
Die ersten Schulen und das Vagantentum
Die ersten Schulen des Abendlandes gehen auf Karl den Grossen zurück.Er hatte, schon im 8. Jahrhundert angeordnet, dass jedes Kloster eine Schule unterhalten sollte, um alle diejenigen zu unterrichten, die mit Gottes Hilfe zum Lernen befähigt wären. Das Kloster St. Gallen ist unter seiner Regierung zu Weltruhm gelangt. Neben den Klosterschulen bestanden Kathedralschulen, die auch Laien zum Unterricht zuliessen. Der Lehrplan beschränkte sich auf die sieben freien Künste: Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie.
Ora et labora war der Leitsatz dieser Schulen. Jeder Gedanke an Freude und Spiel war als Ausschweifung verpönt. Aus den widersetzlichen Elementen, die sich dieser Ordnung nicht unterwerfen wollten und aus den Theologen, die keine Arbeit fanden, gingen jene fahrenden Schüler, Goliarden oder Bacchanten hervor, die verlotterten und verbummelten Gesellen, die freiheitsfroh von Schule zu Schule zogen und trotz aller Not um die einfachsten Bedürfnisse ihre Liebeslieder herausjubelten. Mit ihnen entstanden Studentenpoesien von unerhörter Schönheit. Ihre Dichter, die fahrenden Kleriker, die oft gezwungen waren, jahrelang auf eine geistliche Stelle zu warten, wandten sich der Poesie und Musik zu, um damit ihr Leben zu fristen. Die Lieder waren vorzugsweise in lateinischer Sprache abgefasst, da sie sich vor allem an die in Amt und Würden stehenden Pfarrherren richteten. Diese ergötzten sich anscheinend an den lebensvollen Texten in ihrem altehrwürdigen Latein. Die Gedichte sind voller Humor und Witz, deren Derbheit kann aber zuweilen nur durch die graziöse Behandlung in lateinischer Sprache etwas gemildert werden.
Wein, Weib und Würfel, die drei "W" sind ein alter in der Studentenpoesie immer wiederkehrender Dreiklang. Kaum ein Ton von Sündengefühl schwingt jemals mit. Hab und Gut verspielen und verschlemmen gehört zu ihrem Alltag. Daneben sind sie mild und weitherzig, mehr als diejenigen, die sich dessen besonders rühmen.
Wir sind an Barmherzigkeit
Echte Religiosen;
Denn wir nehmen alle auf
Kleine, samt den Grossen,
Nehmen auf den reichen Mann
Wie den arm' und blossen,
Den die frommen Klosterherrn
Von der Schwelle stossen.
In unzähligen Liedern haben diese Sänger der Lebenslust die Frauen besungen. Dabei herrscht vor dem "Süssen Uebel", wie die Frau im Mittelalter genannt wurde, gar keine Scheu. Es gibt fast nur Bejahung und Lebenslust, vom naiven, frohen Geniessen bis zu fesselloser Sinnlichkeit.
Schäferin geht aus dem Haus
Morgens in der Frühe,
Leichten Sinnes treibt sie aus
Ihre runden Kühe
In der Herde dicht gemengt
Sich die Schäflein schmiegen,
Stierlein sich zum Kühlein drängt,
Böcklein an die Ziegen.
Auf dem Rain ein Bursche ruht;
Der kommt wie gefunden!
Lass zusammen frohgemut
Kürzen uns die Stunden.
***
Meinen Eid will ich bewahren.
Und warum? Du magst's erfahren,
Weil mir von den Mägdlein allen
Keine je so wohl gefallen.
Strahlst Du doch aus ihrer Runde
Wie die Perl auf goldnem Grunde:
Schulter, Brüstlein, Hüft und Rücken
Sind gebildet zum Entzücken.
***
Mit den Mädchen treib ich Spiel
Meide nur die Schlauen,
Bleibe fern der Buhlerin
Sowie fremden Frauen,
Denn die Schande ihrer Lust
Weckt in mir nur Grauen.
***
Aber im Notfall ist man auch käuflicher Liebe nicht abgeneigt:
Zahlst Du nur das Honorar
Ohne falsches Wesen,
Wird ein Privatissimum
Gerne Dir gelesen.
***
Darüber, dass der Scholar mehr Talent zur Liebe habe, als der Ritter, wird heftig gestritten:
In Genuss und Liebeskunst.
Dies beweisen Taten,
Uebertrifft der Kleriker
Immer den Soldaten.
Amors ganzer Liebeshof
Gibt sich laut zufrieden,
Und für alle Zukunft ist
Nun der Streit entschieden.
***
Hin und wieder klingen auch Töne der Vergänglichkeit des Lebens an:
Nur im Wirtshaus lass vom Tod
Ich mich attrappieren,
Sterbend soll ein Becher Wein
Mich noch delektieren;
Singend wird der Engel Chor
Dann für mich plädieren;
Mög' der Herr den Zechkumpan
Gnädig pardonnieren.
***
Ganz andere Töne galt es aber anzuschlagen, wenn der Goliarde vor einem strengen Herrn stand und um eine milde Gabe bettelte:
Bin ein fahrend Schülerlein.
Muss mich müh'n und plagen;
Sauer wird mir's oft und viel,
Nur mich durchzuschlagen.
Dem gelahrten Studium
Möcht ich gerne leben;
Leider, dass der Mangel mich
Zwingt es aufzugeben.
Ach was ist mein Mäntelein
Dünne zum Erbarmen,
Bitt're Kälte steh ich aus,
Kann's oft kaum erwarmen.
***
Bei diesen erfrischenden Beispielen mittelalterlicher Vagantenpoesie handelt es sich um eine Auswahl vieler schöner Texte, denen das Latein noch einen besonderen Reiz verleiht. sie dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein grosser Teil der Dichtungen dieser rauhen, verkommenen und verlausten Gesellen heute kaum noch geniessbar ist. Ein Liederbuch, das in einem frühen Druck, in seltenen Exemplaren erhalten ist, soll zum Obszönsten gehören, was die deutsche Literatur jemals hervorgebracht hat.
Manch einer dieser Goliarden (von "gula", die Kehle?) begann seine Laufbahn damit, dass er aus Furcht vor Strafe dem Kloster entlief und sich den Vaganten anschloss.
Diese hatten aber ein hartes Schicksal zu bestehen, bald vielen Gefahren ausgeliefert und jedem Sturm und Wetter ausgesetzt, bald wieder bis zur Erschöpfung in Völlerei und Unzucht vergehend. Ihre Ungebundenheit verführte sie immer mehr zur Zuchtlosigkeit. Ihr privilegierter Stand als Geistliche schützte sie vielfach vor Strafe, sodass sie bis zum 13. Jahrhundert durch ihre Bettelei, Unzucht und Rauflust zu einer echten Landplage wurden.
Kein Wunder, dass geistliche und weltliche Behörden wiederholt gezwungen waren, gegen dieses Unwesen einzuschreiten. Den Goliarden sollte keine Unterstützung und kein Unterschlupf mehr gewährt werden. Wer denkt da nicht an die immer wieder gesungenen Liedtexte:
Vor dem Pfarrhaus schreckt ein Drach
Oft uns arme Pilger.
Schert Euch weg, Vagantenpack,
Schnöde Weinvertilger!
oder:
Wie gerne wär' ich mitgewallt,
Ihr Pfarr wollt mich nicht haben,
So muss ich seitwärts durch den Wald
Als räudig Schäflein traben.
Viele wunderschöne Lieder, die viel später in der Zeit
der Romantik (um 1800) geschaffen wurden, verherrlichen diese leidgeprüften fahrenden
Schüler in poesievollen Texten, die aber mit der Realität nur wenig gemeinsam haben.
"Mit der Fiedel auf dem Rucken......."
"Nach Süden nun sich lenken......."
"Vale universitas, Bursa et Taberne......"
Es gibt auch eine ergötzliche Studentenpoesie von alten Herren, die ihrer Scholarenzeit nachtrauerten und sich auch später noch der Geselligkeit bei frohem Becherklang hingaben. Als Beispiel diene das folgende Lied:
Will dereinst bei Ja und Nein
Vor dem Zapfen sterben.
Nach der letzten Oelung soll
Hefe mich noch färben.
Engelchöre weihen dann
Mich zum Nektarerben.
Diesen Trinker, gnade Gott,
Lass ihn nicht verderben.
Der Schöpfer dieses Liedes ist als Archepoeta bekannt. Er war Sekretär am Hofe des Kölner Erzbischofs Reinald von Dassel.
Die ersten Universitäten in Paris und Bologna
Die ersten Universitäten sind im 12. Jahrhundert in Paris und Bologna gegründet worden. Die letztere war weltberühmt für die juristische Fakultät, Paris aber blieb für lange Zeit die grösste und einflussreichste Institution, nach der sich alle anderen Gründungen ausrichten mussten. Die erste deutsche Universität ist 1348 in Prag entstanden. Die einzige mittelalterliche Universität der Schweiz besteht seit 1460 in Basel.
Ausgehend von den Klosterschulen war zuerst alle Wissenschaft, die an den Universitäten betrieben wurde in erster Linie Theologie und weitaus der grösste Teil der Scholaren waren Theologie-Studenten. Diese Auffassung wurde aber in Paris schon um 1200 in Frage gestellt, als sich die Lehrer in Fakultäten zusammenschlos- sen. Bei diesem scheinbar unwichtigen Schritt handelte es sich jedoch um eine brisante, machtpolitische Frage, denn damit erfolgte die Loslösung der Wissenschaft von der Vorherrschaft der Theologie. Trotzdem bleibt das Papsttum mit den Universitäten eng verbunden, denn alle mittelalterliche Bildung wurzelte in der Kirche
Die Unterscheidung der Fakultäten war eine Leistung des Mittelalters, die für die Entwicklung der Wissenschaft von grundlegender Bedeutung war. Dass dieser Schritt in der islamischen Welt bis heute noch nicht vollzogen wurde, ist möglicherweise der arabischen Wissenchaft, die im Mittelalter der christlichen weit überlegen war, zum Verhängnis geworden
Die Universität in Paris wurde in folgende vier Fakultäten aufgeteilt: Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Artisten. Das Studium begann in Paris für alle Studenten mit der Artisten-Fakultät, die in vier Nationen aufgeteilt war, der gallischen, englischen, piccardischen und der normannischen (Gleiche Herkunft, gleiche Sprache). Die Scholaren waren gezwungen sich einer der Nationen anzuschliessen.
Jede dieser Landsmannschaften hatte eigene Lehrer, eine eigene Kirche und einen eigenen Versammlungsort. Es wurde aber wenig Vorbildung vorausgesetzt. Eine Trennung von Gymnasium und Universität erfolgte erst im 19. Jahrhundert.
Die Artisten-Fakultät wurde mit demTitel eines Baccalars abgeschlossen, und damit konnte der Scholar in eine der drei höheren Fakultäten eintreten. Obwohl die Artisten-Fakultät die unterste Stufe im Ausbildungsgang darstellte, verfügte sie im Hochschulrat, gemäss ihren vier Nationen, über vier Stimmen, also über die Mehrheit, weil die oberen Fakultäten nur je eine Stimme inne hatten.
Die Scholaren haben ihre demokratischen Rechte erstaunlich gut wahrgenommen. Die Nationen übten sogar einen moralischen Druck auf ihre Mitglieder aus. Dies äusserte sich schon in der Eidesformel, welche der Neuling bei seinem Eintritt abzulegen hatte. Sie lautete: "Ich schwöre, dass ich die Versammlungen der Nation besuchen will, so oft ich geladen werde, und dass ich mich an der Beratung gewissenhaft beteiligen werde, dass ich die Ehre der Korporation, sowie meiner Nation wahren will und niemandem Geheimnisse, die ich dort vernehme verraten werde".
Für die Ausbildung waren folgende Stufen zu durchlaufen:
Im Anfang hat der Scholar zu lernen. Er ist scholaris
simplex = Lehrling.
Als Baccalar kann er lehren und lernen = Geselle
Danach hat er lediglich zu lehren. Er wird Magister (Doktor) =
Meister
Der "Magister artium" konnte mit frühestens 21 Jahren erworben werden. Erst dann begann das Studium in den oberen Fakultäten. Für die oberste theologische Würde war ein Alter von 35 Jahren empfohlen.
Seit dem Jahre 1233 hatte die einmal erworbene Lehrbefähigung in der ganzen christlichen Welt Gültigkeit. Ein Beschluss von weltgeschichtlicher Bedeutung.
Nun wird auch das Wort "Universität" zum erstenmal gebraucht.
Das Leben an den mittelalterlichen Universitäten war hart. Die in Bursen kasernierten Schüler standen unter schärfster Aufsicht und waren stets von den härtesten Körperstrafen bedroht. Sie teilten ihre Zeit zwischen geistiger Fron und Kirche. Der Arbeitstag war genau bestimmt. Sehr früh, um vier oder fünf wurde aufgestanden, um acht oder neun Uhr war die Abendgrenze. Die Bursen wurden dann geschlossen. Auditoriengebäude gab es noch nicht. Die Vorlesungen fanden in den Kollegien statt oder in Kirchen, Klosterräumen und im Sommer auch in Höfen.
Die Bursen, meist Stiftungen privater Wohltätigkeit, waren ungefähr das, was wir heute mit dem Ausdruck "Internat" bezeichnen. Das Wort Bursales für ihre Insassen ist die Stammform des Wortes Bursch.
In kleinen, nur auf das dürftigste eingerichteten, meist unheizbaren Kammern waren bis zu zwölf Schüler zusammengepfercht. Nur die grösseren Stuben, die oft als Speise- und Lehrsäle dienten, wurden geheizt.
Erasmus von Rotterdam beschreibt das Leben in einer Pariser Burse: "Die Lager waren so hart, die Speisen so schlecht und kärglich, Arbeiten und Nachtwachen so beschwerlich, dass viele tatenvolle Jünglinge im ersten Jahr ihres Aufenthaltes starben, wahnsinnig oder aussätzig wurden"
Von grosser Bedeutung war der Umstand, dass die Bursen eigene Vorlesungen hielten und Bibliotheken zur Verfügung stellten. Der Besitz eigener Bücher war den mittelalterlichen Scholaren so gut wie unmöglich.
Die überwiegende Mehrheit der Studierenden stammte aus unteren Kreisen und die meisten von ihnen strebten durch das Studium eine Versorgung im Kirchendienst an. Man nannte sie die Armen Pauperes im Gegensatz zu den Solventes. Vor allem die Armen, oder all jene, die nicht als Diener bei einem der Lehrer oder als Lehrender in einem Bürgerhause eine Stellung fanden, strömten den Bursen zu. Doch wenn ihnen auch hier der Einlass verschlossen blieb, waren sie auf das Betteln angewiesen.
Das grösste Ereignis des Studienjahres war die Disputation, eine wissenschaftliche Parade über alles Mögliche, die u.U. ein bis zwei Wochen dauerte. Sie war neben ernsthaften Themen vor allem durch scherzhafte Einschiebsel von teilweise hanebüchernen Reden mit blutigsten Zoten der Baccalare bekannt geworden. Nach der Reformationszeit war es denn auch mit diesen Disputationen bald zu Ende.
Mit dem Titel eines Magisters oder Doktors war der Scholar in den ersten Rang der mittelalterlichen Gelehrtenlaufbahn aufgerückt. Ein Doktor hatte rittermässigen Status und stand über dem Landadel. Er hatte viele soziale Vorrechte und war von Reallasten und Einquartierung befreit. Für ihn und die Scholaren bestand keine Militärpflicht.
Gelehrt wurde an fünf Wochentagen. Die Ferien dauerten etwa 10 Wochen (Weihnachten, Fastnacht, Ostern und Herbst). Dazu kamen sehr viele Feiertage und Tage feierlicher Fakultätsakte, sodass das Jahr etwa 180 Lesetage umfasste. Es gab also genügend Freizeit für Studentenfeste (Fontania) und Massenspaziergänge (exitus cumulatos). Weil dabei mannigfacher Unfug und Skandal vorkam und übermässige Ausgaben gemacht wurden, versuchte man durch Verbote dem Unwesen beizukommen.
Paris galt während Jahrhunderten als die Alma Mater schlechthin, nach der sich alle anderen zu richten hatten. An ihr studierten etwa 2000 Schüler, wärend in den 12 deutschen Universitäten nur 150 bis 500 Studenten immatrikuliert waren. Es war üblich an verschiedenen Orten zu studieren, und jedermann wollte einmal in Paris gewesen sein:
Manger hin ze Paris vert,
Der wenig lernt und vil verzert;
So hat er doch Paris gesehn.
Viele die in den Pariser Bursen das strenge Regiment am eigenen Leib erfahren hatten, versuchten nun diese Methoden auch anderswo anzuwenden. Dadurch entstanden die zuchthausähnlichen Schülerkasernen. Notdürftig wurde für das leibliche Wohl gesorgt. Gegen den Durst wurde ein dünnes Bier ausgeschenkt, worum sich ein Bierwirt, der Cerevisarius zu bekümmern hatte. Wenn die Bursalen auch nicht an Hunger leiden mussten, führten sie doch im grossen und ganzen das Leben von Mönchen strenger Observanz. Die feste Hausordnung suchte jeden jugendlichen Uebermut zu bannen, oder scheuchte ihn in abgelegene Winkel, wo er sich dann doppelt gefährlich austobte.
Noch immer galt die Theologie als die wichtigste und höchste Fakultät. Ein Zeitgenosse hat um 1300 geschrieben: "Den Deutschen erscheint es zwecklos und schimpflich, dass jemand Unterricht nimmt, wenn er nicht Kleriker wird".
Bildung war eben immer noch eine Angelegenheit der niederen Schichten. In allen Städten wimmelte es von armen Schülern. Sie zogen von Haus zu Haus und sangen vor den Türen.
Der Adel hielt Jagd und Beize für wesentlich standesgemässer als den Umgang mit Büchern. Aus England wissen wir, dass um 1560 von 146 Adligen 92 nicht imstande waren, ihren Namen zu schreiben. Nur von etwa einem Dutzend Angehörigen der Oberschicht (ohne die Geistlichkeit) weiss man definitiv, dass sie im 16. Jahrhundert mehr als einhundert Bücher besassen.
Eine traurige Erscheinung der frühen Universitäten waren die Bacchanten und Schützen. Weil ihre Betteleien immer ertragloser wurden, halfen sich die älteren Studenten auf andere Weise. Sie redeten biederen Bürgersleuten vor, sie wollten sich ihres Knaben fürsorglich annehmen und ihn auf eine gute Schule führen. Die gutmütigen Eltern glaubten nun, ihr Sohn sei auf dem besten Wege zu studieren und zu Ehren zu kommen.
Anstatt zu studieren, musste der kleine Kerl ununterbrochen Strapazen und Schläge ertragen, um seinem Herrn die Nahrung zu erbetteln oder zu stehlen. Das Wort "Schütze" geht darauf zurück, dass er mit einem Steinschuss die Hühner ergatterte. Er hatte seine gute Kleidung und seinen Zehrpfennig seinem Herrn abzuliefern und die unwürdigsten Arbeiten zu verrichten. Auch war es ihm fast unmöglich, sich aus diesem qualvollen Zwang zu befreien, weil er von seinem Burschen und dessen Helfershelfern früher oder später wieder aufgegriffen und bestialisch bestraft wurde.
War es einem fahrenden Schüler aber gelungen, sich aus dem Landstreichertum zu lösen und auf einer hohen Schule Fuss zu fassen, war er meistens geborgen. Doch konnte er nur auf Unterstützung rechnen, wenn er stetig arbeitete und sich der Gunst der Lehrer erfreute.
Die Studenten der Bursen hatten, wie bereits erwähnt, ein strenges, klösterliches Leben zu führen und auch klösterliche Kleidung zu tragen. Erst um 1500 wurde die Bezeichnung clericus für Student mehr und mehr durch das Wort scholaris verdrängt. Wer es sich leisten konnte, löste sich vom Internat und zog weltliche Kleidung an. Der erreichten Freiheit folgte ein Verfall der Sitten. Der Untervogt von Tübingen beschwerte sich beispielsweise im Jahre 1577, dass das Verhalten der Studenten bei Nacht so ungebührlich sei, dass sich kein Bürger mehr zum Wächter wolle bestellen lassen. In Summa sei ein gottloses Wesen wie in Sodom und Gomorrah!.
Die adligen Studenten hatten gewisse Vorrechte, und diese wurden vielerorts auch auf diejenigen ausgedehnt, die bei den Professoren Kost und Wohnung genommen hatten, die sogenannten Professorenburschen.
Studenten, Professoren und weitere Kreise, die mit der Universität verbunden waren, insbesondere Gewerbetreibende, Hofmeister und die Diener der Scholaren, Gastwirte und ihr Personal, Buchbinder usw. durften sich akademische Bürger nennen und waren Angehörige der "universitas" (im Gegensatz zu den Philistern). Sie wurden von der Universitätsobrigkeit auf die Statuten vereidigt, die sie einzuhalten hatten, wofür sie deren Privilegien genossen.
Als Philister wurden alle Leute bezeichnet, die nicht Student waren, insbesondere die Bürger, bei denen Studenten im Hause wohnten. Sobald der Bursche die Universität verliess, war er selber ein Philister. Der Ursprung dieses Wortes soll in einer Begebenheit in Jena, dem Vaterlande der Renomisten, liegen. Als in einem Wirtshaus ausserhalb der Stadt, anlässlich einer Trinkerei, zwei Studenten erschlagen wurden, fiel der Verdacht auf einige Bürger. Bei der Leichenpredigt bediente sich der Pfarrer unter Bezugnahme auf die unbekannten Mörder des Ausdrucks: "Philister über Dir, Simson". Als die Studenten aus der Kirche kamen, riefen sie den Bürgern zu: Pereant die Philister tief.
Zur Zulassung an eine Universität musste sich der Student mit einem Depositions- schein ausweisen. Dieser konnte an irgend einer Universität erworben werden, sofern er sich der sogenannten Deposition unterzogen hatte und damit in die akademische Korporation aufgenommen worden war. Ohne diesen Ausweis durfte er von keinem Lehrer zum Unterricht zugelassen werden und in keiner Burse oder einem andern Unterkunftshause Einlass finden.
Diese feierliche Aufnahme von neuen Studenten wurde erstmals im Jahre1454 in Heidelberg erwähnt, als depositio beani, also etwa Zurechtstutzung des Beanus (von bec jaune), des Fuchses oder Gelbschnabels. Man kann diese Zeremonie als Vorläufer der heutigen Fuchsentaufe betrachten, darf aber nicht vergessen, dass es sich damals um eine offizielle Einrichtung der Universität gehandelt hat, und dass der vom Dekan ausgestellte Depositionsschein eine unerlässliche Bedingung für die Immatriku- lation bedeutete.
Der Sinn dieser seltsamen, an jeder Universität üblichen Sitte war, dass der Neuankömmling von einem ungefügigen und unwissenden Stück Vieh zu einem ordentlichen Bursch und überhaupt einem Mensch verwandelt würde. Mit diesem einfältigen Tier mussten nun allerlei Prozeduren vorgenommen werden.
Für die Zeremonie selbst liess man die angehenden Studenten Kleider von mehrerlei Zeug und Farben anziehen Man schwärzte ihnen das Gesicht und befestigte an ihren Hüten lange Ohren und Hörner, steckte ihnen Schweinszähne in die Mundwinkel, welche sie bei Strafe festhalten mussten. Mit einem langen schwarzen Mantel behängt, wurden sie nun vom Depositor, ein Student oder der Universitätspedell, aus dem Depositionszimmer mit einem Stock vor sich her getrieben, wie eine Herde Ochsen oder Esel in einen Saal, wo die Zuschauer warteten. Nun folgte eine Rede über die Laster und Fehler der Jugend und die Notwendigkeit, durch Studien gebessert und geschliffen zu werden.
Darauf mussten die Beanen eine flüchtige Lateinprüfung ablegen, die aber bald zur humorigen Farce wurde. Sie diente lediglich dazu, die Neulinge in Verwirrung zu setzen und für ihre Unkenntnis zu verprügeln. Die Schweinszähne hinderten sie ohnehin am deutlichen Sprechen, sodass sie eher wie Schweine grunzten und deshalb auch Schweine genannt wurden. Diese Zähne, fuhr nun der Depositor fort, bedeuten Unmässigkeit im Essen und Trinken, wodurch der Verstand verfinstert werde. Mit einer langen hölzernen Zange drückte und schüttelte er ihren Hals solange, bis die Zähne auf die Erde fielen. Wenn sie gelehrig und arbeitsam wären, würden sie den Hang zur Unmässigkeit ebenso verlieren, wie diese Schweinezähne.
Dann riss er ihnen die langen Ohren ab und gab damit zu verstehen, dass sie fleissig studieren müssten, wenn sie nicht den Eseln ähnlich sein wollten. Weiterhin nahm er ihnen die Hörner, welche brutale Roheit bedeuten und nahm aus einem Sack Hobel, Axt und Bohrer. Jeder Bean musste sich zuerst auf den Bauch, dann auf den Rücken und auf beide Seiten legen. In jeder Stellung wurde ihm der ganze Leib behobelt, behauen und bebohrt, mit den Worten: So werde Kunst und Wissenschaft Deinen Geist glätten und formieren. Schliesslich füllte der Depositor ein grosses Gefäss mit Wasser, das er den Novizen auf den Kopf goss, bis er sie zu guter Letzt einseifte und mit einem groben Tuch abtrocknete und kämmte, mit den besten Ermahnungen, ein neues Leben anzufangen und die alten Gewohnheiten abzulegen.
Nun ging es zum Dekan der philosophischen Fakultät, der sie nach kurzer Prüfung und Anrede gleichfalls weihte, indem er ihnen Salz in den Mund gab und Wein auf den Kopf goss.
Vielerorts wurde die Zeremonie noch durch weitere Handlungen bereichert. In einem strassburger Büchlein von 1664 sind 20 Bilder erklärt. Dabei ist noch die Rede von: Abschneiden der Haare, Anwenden des Ohrlöffels, der Nagelfeile, Anmalen des Bartes, die Singprobe, das Ausmessen des Bacchanten mit Zirkel und Messrute. Die letzten beiden Bilder zeigen, den Depositor, wie er beschenkt wird und nachher die Weihe spendet.
Bei der Deposition war jede Folterqual erlaubt, solange kein Blut floss. Doch auch dies kam vor und wurde einfach übersehen. Das anschliessende Mahl musste von den Beanen bezahlt werden.
Wir dürfen uns über die offizielle Mitwirkung der Universität nicht zu sehr wundern, denn die mittelalterlichen Graduierten waren keine Männer in Amt und Würden. Sie waren ihrem Wesen nach eher fortgeschrittene Scholaren, die an allem, selbst an ihrem Unfug vollen Anteil hatten. Sie sind ebenfalls unverheiratet, denn wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder philosophische Dinge.
Noch heute werden wir an diesen alten Brauch erinnert, wenn von ungehobelten und ungeschliffenen Menschen die Rede ist, oder wenn es heisst, ein junger Mann habe sich die Hörner noch nicht abgestossen.
Waren die fürchterlichen und unwürdigen Qualen der Deposition vorüber, war aus dem Beanus der Fuchs, oder Pennal geworden, und neue Folterqualen begannen. Für ein bis eineinhalb Jahre unterlag er nun der Tyrannei der älteren Studenten, der Schoristen, oder Scherer, so genannt, weil sie dem jungen Studenten die Haare abrasierten. Er wurde gezwungen, sich ihrer Landsmannschaft anzuschliessen. Ein unehrenhaftes System der Knechtung und der körperlichen Züchtigung zwang ihn zu den gemeinsten Diensthandlungen. Wie bei den Schützen musste er seinen neuen Anzug gleich am ersten Tage hergeben. Er selber lief nun zerlumpt, verwahrlost, unsauber und in durchlöcherten Kleidern und Schuhen. Der Schorist kommandierte, vexierte, tribulierte, schikanierte, malträtierte. Der Pennal verrichtete alle Hausarbeit, beschaffte Geld auf jede erdenkliche Art, nachdem er seine eigenen Mutterpfennige abgegeben hatte. Er musste den Betrunkenen nach Hause schleppen und ward mit Fusstritten belohnt, blutig geschlagen und gestossen.
Ein Jahr, sechs Monate, sechs Wochen, sechs Stunden und sechs Minuten währte diese Tortur. Dann musste der Fuchs bei jedem Mitglied die Absolution erbitten. Er erhielt diese auf dem von ihm bezahlten Pennalschmaus. Hier wurden ihm zu guter Letzt noch die Haare abgebrannt, und dann konnte er selber den anderen vergelten, was er an der eigenen Haut erduldet hatte.
Das Verhältnis der Burschen zu den Pennalen war demjenigen der Bacchanten zu den Schützen ähnlich. Doch waren die Ersteren als Vaganten auch noch den Unbilden der Natur ausgesetzt, während die Letzteren bei ihrem Herrn auf der Bude wohnten und das Ende ihrer Leidenszeit absehen konnten.
Die Universitäten im Zeitalter der Renaissance und der Reformation
Um 1500 entstand mit der Renaissance die Rückbesinnung auf die Werte der Antike und der aufkommende Humanismus strebte nach der geistigen Berfreiung von der Bevormundung durch die Kirche, und mit der Refromation um 1500 beginnt die Geschichte des modernen Studententums. Von jetzt an fehlt die Zwangsorganisation und der einheitliche Geist, der bis anhin durch die Kirche verbürgt war.
Weder der Humanismus noch die Reformation wurzeln in der mittelalterlichen Universität, aber beide haben das Universitätsleben gegen enormen Widerstand nachhaltig beeinflusst.
Der Humanismus hatte die Universitäten nicht grundlegend verändert, aber er hatte für den Wandel der damaligen Bildung sehr viel beigetragen. Er veränderte das Erziehungsideal des Mittelalters, organisierte den höheren Unterricht und machte so die Bahn frei für die spätere Wandlung der Artistenfakultät in die philosophische.
Viel nachhaltiger als der Humanismus wirkte der Geist Luthers an den deutschen Universitäten. er hatte ihnen für anderthalb Jahrhunderte sein Gepräge gegeben, vielleicht auch darum, weil die protestantischen Fürsten bei der Universitätsreform das Sagen hatten.
Scholaren und Professoren waren nun nicht mehr bereit, die alten Werte unbesehen zu übernehmen. Sie suchten Freiheit in ihren Lebensbedingungen und in der Lehre.
Fast überall wurde um diese Zeit das römische Recht eingeführt und die juristischen Fakultäten nahmen gewaltig zu. Jetzt drängte auch der Adel zusehends in dieses Studium, weil er dort eine einträgliche und standesgemässe Ausbildung zu finden hoffte. Viele Studenten stammten nun aus vornehmen Häusern, stolzierten in vornehmer Kleidung daher, trugen Waffen, als Ausdruck des privilegierten Standes und liessen sich durch Fechtmeister ausbilden. Das Duell wurde zum Statussymbol. Das Erscheinungsbild hatte sich grundlegend verändert.
Für den Studenten galt die akademische Freiheit. Er unterstand nicht mehr der bürgerlichen Gerichtsbarkeit. Das Museum, wie jetzt die Bude genannt wurde, war nach einer kaiserlichen Erklärung wegen der Wohnungsnot in den engen Städten unverletzlich. Wurde dem Studenten irgend eine Nachbarschaft unbequem, konnte er ihren Abzug erzwingen. Andererseits durfte ihm kein leerstehendes Zimmer verweigert werden. Kein Wunder, wenn sich die Bürger bei solchen Verhältnissen regelrecht bedroht fühlten.
Die meisten Professoren waren nun verheiratet und die Vermietung von Logies wurde für sie in den nächsten zwei Jahrhunderten eine ergiebige Einnahmequelle. Durch das akademische Recht konnten sie ihren Mietern allerhand Vorrechte verschaffen. Sie erhielten u.a. in den Kollegien die besten Plätze und mussten beim Ausgiessen des Nachttopfes nur einmal "Kopf weg" rufen, während alle Anderen diese Warnung zweimal auszugeben hatten. Sie durften sogar ihre Hunde in die Kirche mitnehmen, sofern das Halsband mit den Buchstaben P.P.H (für Professoren-Purschen-Hund) gekennzeichnet war .
Nach 1600 hat der aufkommende Realismus mit der Entwicklung der Mathematik und der Naturwissenschaften ausserordentliche Leistungen hervorgebracht, die auch die Entwicklung des Universitätslebens nachhaltig beeinflussten.
Während des dreissigjährigen Krieges von 1618 bis 1648 wurde die Bevölkerung Europas durch Hungersnöte und Seuchen dermassen dezimiert, dass das
Leben an den Universitäten fast zum Erliegen kam. Der Pennalismus erlebte seine Blüte, denn diese Zeit war eben dazu geneigt, viele Leiden gelassen zu ertragen, als müsste es so sein. Das Einkommen der deutschen Professoren war während des Krieges ein Bettel. Ihren Broterwerb bestritten sie vornehmlich aus den Kostgängern. In unwürdiger Weise rissen sich die Magister förmlich um die Kandidaten, um die Promotionsgelder zu erhaschen. Selbst an schamlosen Erpressungen seitens der Examinatoren soll es nicht gefehlt haben.
Die allgemeine Rohheit, auch die der Studenten, erreichte ihren Höhepunkt. Der noch verzeihliche jugendliche Mutwillen hatte nun bewusster Rohheit Platz gemacht. Der lange Kampf hatte selbst die letzten Reste der sittlichen Errungenschaften der Reformation gründlich zerstört.
Als sich die Verhältnisse nach dem Kriege wieder normalisierten machte sich die Trennung von arm und reich noch deutlicher bemerkbar. Es bildete sich eine Rangordnung aus Adligen, Professorenburschen, Bürgerburschen und Konviktoristen.
Den Nationen und dem Pennalismus wurde der Kampf angesagt, und bis zum Ende des Jahrhunderts hatten beide keine Bedeutung mehr.
Es trat auch eine Veränderung in der Studentenmode ein. Fast alle trugen nun einen Degen an der Seite, Federn auf dem Hut, Stiefel, Sporen und Schärpen in gewissen Farben, die im dreissigjährigen Krieg die Uniformen vertraten. Es kam die Blüte der Hospize, der Urform der Kommerse. sie wurden auf der Bude der Studenten oder auf der Strasse abgehalten und durften nicht vor Mitternacht zu ende gehn.
Die sittlichen Verhältnisse hatten sich ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in den grösserren Universitätsstädten erheblich gebessert. Die bürgerlichen Schichten stellten nun den Hauptteil der Studenten. Es war die Zeit der Barock-Fürsten. Unter ihren absolutistischen Regierungen waren alle Zusammenschlüsse, die dem politischen System gefährlich werden konnten, verpönt. Den Verbindungen wurde der Kampf angesagt. Die Landsmannschaften konnten nur mit Mühe überleben und es wurden Geheimbünde gegründet, die sogenannten "Orden", die in enger Anlehnung an die Freimaurerei im Verborgenen existierten. Deshalb ist über sie nur wenig bekannt. trotzdem geht einiges vom studentischen Brauchtum auf diese Logen zurück, so der Zirkel, die x-Zeichen für die Chargierten und die Devise.
Vor allem die geheimen Orden erkannten als Endzweck der Verbindung eine lebenslange Freundschaft und schufen so den völlig neuen Begriff der Lebensverbindnung, mit dem Ziel auf Bildung und Vervollkommnung hinzuwirken.
Landsmannschaften und Orden haben für die spätere Zeit hohe Bedeutung, weil sie als Urformen für das gesamte spätere Verbindungswesen gelten. Sie hatten das studentische Kulturgut erhalten, pflegten die Studentensprache und das Studentenlied und halfen den Komment zu schaffen. Selbst die grössten Strafen vermochten die Verbindungen nicht dauernd zu vernichten. Landsmannschaften und Orden beherrschten trotz ihrer Minderheit das akademische Leben.
Im Jahre 1788 wurde in Preussen die Abiturientenprüfung eingeführt und gegen ende des Jahrhunderts tritt eine entscheidende Wende zur modernen Studentenverbindung ein, indem sich aus den Landsmannschaften und Orden die Corps und Burschen- schaften entwickelten. Sie waren beeinflusst von den Strömungen des klassischen Idealismus von Goethe und Schiller. Die Corps führten auch das Tragen von Band und Mütze ein. Die sozialen Unterschiede waren gross. Die Adligen genossen besondere Vorrechte und sassen in den Hörsälen auf erhöhten Bänken.
Der Student dieser Zeit wurde entweder als vollkommener Rokkoko-Mensch in Manier, Tracht und Interessen dargestellt und Stutzer genannt, oder als sein Gegenspiel, mit derber studentischer Ueberlieferung, als Renomist. Der erstere war sehr modebewusst, sauber und eitel, der letztere plump, schlecht gekleidet möglichst forsch und laut. Beide fühlten sich als Urbild des Studenten und schauten auf die misera plebs der Crassen und der Erwerbstätigen hinab.
Ein zeitgemässes Studentenlied richtet sich gegen die französische Galanterie, die in Studentenkreisen Einzug gehalten hat.
Hinweg mit der Pomade,
Die nach Lavendel stinkt.
Hinweg mit der Orfade,
Die nur der Stutzer trinkt.
Lasst Freunde jungen Thoren
Der Wollust Kinderspiel,
Zum Trunk sind wir geboren,
Seit Vater Adam fiel.
Die Galanterie wurde zum Lebensinhalt, und bald hatte jeder Renomist seine Charmante, seine illusionäre Dulcinea von Toboso, zu deren Ehren er trank und duellierte. Ihr Wohl musste auf jeder Kneipe ausgebracht werden, und ihrer ward auch in Huldigungsliedern gedacht:
Man säuft sich vom Verstand, bloss auf ihr Wohlergehen.
Man kennt die Schöne nicht, als dass man sie gesehen;
Doch dies ist Grund genug, die Schnurrbartei zu stürmen
(Stadtwache)
Und sie mit Bier und Blut herkulisch zu beschirmen.
Die Stutzer und Renomisten bildeten aber nur einen kleinen Teil von allen übrigen armen und gedrückten Studenten, die vollauf mit dem Studium beschäftigt waren.
Das Auftreten der Verbindungen gestaltet sich immer prunkvoller. Zum Vollwichs trug man Kanonen, Lederhosen und Pekesche, auf dem Kopf das Zerevis oder das federgeschmückte Barett. Zum Halbwichs gehörten Frack, Schärpe und Barett oder Mütze. Die Verbindungen führten nun auch ein Wappen mit dem aus Ordenszeichen entwickelten Zirkel.
In der Pracht der öffentlichen Aufzüge suchten sich die verschiedenen Gruppen zu übertreffen. In Halle zogen um 1830 die Landsmannschaften mit 60 Wagen, darunter verschiedene Vier- und Sechsspänner, und etwa 60 Reitern aus. In Leipzig veranstal- teten 1822 die Korps einen Umzug mit 50 Wagen.
Häufig gab es Zusammenstösse zwischen Studenten und Nichtstudenten, Philistern, Gnoten (Handwerksgesellen) und Soldaten. Mit ihnen schlug man sich besonders in den Bierdörfern. Es gab auch Reibereien, weil die Studenten auf dem Breiten Stein, dem besser gepflasteren mittleren Teil der Strasse nur ihren Kommilitonen auswichen und alle anderen in die Gosse hinunterschubsten ("Wo sind sie, die vom breiten Stein nicht wankten und nicht wichen"). In allen Universitätsstädten gab der Ruf: Burschen heraus das Zeichen zu Tumulten und blutigen Auftritten, die manchmal sogar mit der Erstürmung von Bürgerhäusern endeten.
In dieser Zeit wurde auch der Fuchsenritt üblich, bei dem die Füchse rittlings auf Stühlen sitzend in rasendem Galopp unter Gesang des Liedes "Was kommt dort von der Höh" durch das Zimmer ritten, angeführt von einem älteren Studenten. Im Anschluss hieran fand ein Fuchsenbrennen statt, woran heute noch der Name Brandfuchs erinnert. Die älteren Häuser bildeten ein Spalier, bewaffneten sich mit ellenlangen, mit Talg und Oel beschmierten Fidibus, zündeten sie an und versuchten, den aus einer Nebenstube durch ihre Reihe getriebenen Füchsen die Haare zu sengen. Das Amt des Fuchsmajors bestand erst ab 1850. Bis dahin übte der Consenior seine Befugnisse aus.
Die französische Revolution mit ihren aufklärerischen Ideen, der Liberalismus und die beginnende Industrialisierung führten zu einer ungeahnten Entfaltung der wissen- schaftlichen Lehre und Forschung. Die Universitäten erlebten einen gewaltigen Aufschwung. Viele neue Hochschulen wurden gegründet (Zürich 1832, Berrn 1834, Genf 1873, Fribourg 1889, Lausanne 1890). Die Studentenverbindungen, die jetzt eine Renaissance erlebten, waren allesamt politische Organisationen, die in dieser bewegten Zeit einen ganz entscheidenden Anteil an den historischen Ereignissen hatten, während und nach den napoleonischen Kriegen.
Die weitere Entwicklung des Studententums war deshalb sehr eng mit der Geschichte der einzelnen Länder verbunden.
Von der französichen Revolution zur Einigung Deutschlands
Als Napoleon seine Herrschaft über fast ganz Europa ausdehnte, riefen in Deutschland Dichter und Denker (nicht die Politiker) in flammenden Appellen zum Widerstand und zur Befreiung von der Fremdherrschaft auf. Auch die akademische Jugend wurde von der allgemeinen Begeisterung ergriffen. Es wurde sogar ein rein studentisches Freicorps gegründet, das sich aktiv an den Befreiungskriegen gegen Napoleon beteiligte.
In diesem Umfeld wurde 1810 die erste Burschenschaft gegründet. In ihren Statuten heisst es:"Sich frei und selbständig zum deutschen Mann zu bilden, ist Zweck des Besuches von hohen Schulen und das Kleinod der Burschenfreiheit" und an einer anderen Stelle heisst es: Es ist Pflicht des wehrlichen und ehrlichen Burschen, die Ehre höher zu schätzen als das Leben. Vaterland und Volk über alles. Er musste Deutsch sein in Worten, Werken und Leben.
Hier klangen historisch bedingte nationalistische Töne an, die aber bis zur Zeit der deutschen Einigung (1870) und der Gründung des dritten Reiches zu vielen unschönen Dissonanzen führten.
Nach dem Sieg über Napoleon wurden auf dem Wiener Kongress (1815) in Deutschland die alten Zustände der 41 absolutistisch regierten Kleinstaaten wieder hergestellt. Die farbentragenden Studenten kämpften gegen diese politische Ordnung für ein geeintes deutsches Vaterland. Zum grossen Ereignis wurde das Wartburgfest 1817, dem die Gründung der allgemeinen deutschen Burscheschaft folgte.
Metternichs Reaktion auf diesen Widerstand schlug sich in den Karlsbader Beschlüssen nieder. Die Studenten wurden verfolgt und die Burschenschaften zeitweise aufgelöst. Für Jahrzehnte wurden alle freien Bewegungen in Deutschland unterdrückt.
Die Corps und Burschenschaften
Die Corps (ursprünglich auch Korps) waren in ihrem Auftreten die extremsten Repräsentanten des deutschen Studententums. Bei ihnen sammelte sich vor allem der alte Landadel und die neue Wirtschafts-Eilite. Wenn auch im Verbands.Durchschnitt der Anteil der Adligen eher gering war, gab es einige recht feudale Corps. So nahm die Borussia in Bonn zwischen 1840 und 1940 etwa 600 adlige und nur 20 bürger- liche Mitglieder auf. Aehnlich war es bei der Saxo Borussia in Heidelberg. Die Corps wurden in weiten Kreisen als die Verkörperung farbentragenden Studententums angesehen, obwohl sie immer nur einen unbedeutenderen Teil der Inkorporierten ausmachten.
Die bewusste Absonderung der feudalen Corps von der übrigen Studentenschaft war fast vollständig. Sie vermieden, wenn immer möglich, an allgemeinen studentischen Veranstaltungen teilzunehmen, und wenn sie es taten (Beerdigungen usw.), forderten sie meistens einen besonderen Platz und trennten sich wieder, sobald es der offizielle Schluss erlaubte.
Die Burschenschaften rekrutierten sich aus weniger vornehmen Kreisen, waren aber von der bis zur Arroganz gesteigerten Selbstsicherheit der Corps sehr beeindruckt. Weil jedoch die materielle Grundlage fehlte, um ihnen in allen Dingen nachzueifern, suchte man diesen Mangel durch ein ganz extremes Duellprinzip zu kompensieren.
Man schlug sich um der Ehre willen und die Mensur galt allgemein als zentrales Erziehungsmittel, als Ausdruck einer spezifischen Standesehre, die es durch die Mutprobe des Duells zu bewahren galt.
Ausgangspunkt für das Duell war eine Forderung wegen einer Beleidigung. Früher wurden die Zweikämpfe in der Regel auf offener Strasse ausgefochten (Rencontre), wobei die Vorübergehenden einen Kreis um die Kämpfenden bildeten.
In manchen Fällen ging der Herausforderer vor das Fenster seines Gegners, zog seinen Degen, hieb damit einige male aufs Pflaster, dass die Funken sprühten und schrie dabei: "Pereat N.N., der Hundsfott, der Schweinekerl! Pereat! Pereat!" Der Herausgeforderte trat aus dem Haus, und die Schlägerei konnte beginnen. Endlich aber erschien der Pedell und gab Inhibition. Die Raufer kamen in den Karzer; und damit hatte der Spass ein Ende.
Anstelle des eben geschilderten Rencontre, bei dem der Kampf ohne Sekundanten und ohne besondere Herausforderung oft unmittelbar auf die Beleidigung folgte, trat schon im 17. Jahrhundert die neue Form des Duells mit Beschicksleuten (Kartellträgern) und Beiständen (Sekundanten).
Das Duell musste nach bestimmten Regeln eines Fecht-Komments vollzobgen werden. In jedem Fall musste ihm eine Beleidigung vorausgehen. Diese bestand in beschimpfenden Ausdrücken, deren höchster "dummer Junge" war oder in tätlichen Uebergriffen wie Stossen mit den Ellbogen oder Schubsen, Erteilen von Nasenstübern oder Ohrfeigen, Schlagen mit dem Ziegenhainer oder Begiessen mit dem Nachttopf. Nach der Beleidigung musste kommentgemäss der Beleidigte den Beleidiger koramieren, bzw. fordern lassen.
Der Zweikampf hörte mit der vorher bestimmten Anzahl von Gängen auf, wenn er unblutig verlief, oder mit der Entwaffnung des Gegners, oder aber mit einer genügend schweren Verwundung (Anschiss). Die Sekundanten riefen die Kommandos und griffen mit ihren Sekundierprügeln (Ziegenhainern) ein.
Als Schutzmitel kamen später der Paukschurz, der lederne Fechthandschuh, eine Halsbinde, der Paukhut und die Paukbrille in Gebrauch, sodass tödliche Verletzungen nicht mehr möglich waren.
Das Duell galt Anfang des 19. Jahrhunderts als wichtigstes Mittel, den guten Ton unter den Musensöhnen zu bewahren. Die Zahl der Zweikämpfe war sehr gross. Eine 16 Mann starke Verbindung machte damals in vier Wochen allein über 200 Duelle aus, und im Sommer 1815 trugen an derselben Universität etwa 400 Studenten in einer Woche 147 Duelle aus. Der in Heidelberg wirkende Paukarzt zählte während seines vierundzwanzigjährigen Dienstes im ganzen 20'000 Mensuren.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam eine zweikampffeindliche Strömung auf, die durch das Gedankengut der französischen Revolution getragen, alle Standesvorrechte und Standesmissbräuche abschaffen wollte. Selbst verschiedene Landsmannschaf- ten sagten dem Duellwesen den erbitterten Kampf an.
Lange Zeit bildete der Degen, den er immer bei sich hatte, das Kennzeichen des echten Studenten. Nun wendeten sich aber die Behörden immer nachdrücklicher gegen die Sitte des Waffentragens und an die Stelle des Degens trat nun vielfach der Knotenstock. Auseinandersetzungen in der Oeffentlichkeit führten nun verschiedent- lich zur Anwedung des Holzkomments (Prügelei).
Die Duelle wurden mehr und mehr in geschlossene Räume verbannt und im Geheimen abgehalten. Je ungefährlicher das Schlägerfechten durch umfangreiche Schutzanzüge wurde, desto weniger sah man die Mensuren als ernsten Kampf an und betrachtete sie mehr als ritterlichen Sport. Trotzdem hielt man daran fest, dass jeder Mensur eine Kontrahage (Forderung aufgrund einer Beleidigung) vorausginge. Dazu wurden um 1840 Kontrahierkneipen allgemein üblich, an der sich verschiedene Korps beteiligten und sich gegenseitig Beleidigungen zuriefen, bis es jeweils zum sog. Tusch kam.
Man nannte dies eine Verabredungsmensur.
Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt zur Bestimmungsmensur, bei der auch ohne formale Beleidigung als reine Mutprobe zur Mensur angetreten wurde.
Bis dahin war eine sehr bewegliche Art des Fechtens üblich, bei der es darauf ankam, den Gegner zu verwunden und wenn möglich "abzuführen". Ab 1870 änderte sich die Fechtweise. Auf "Los!" schlugen nun beide Paukanten in der Regel sogleich an, sodass der ganze Gang nur aus a-tempo-Hieben bestand. Man durfte nur keinen Zweifel an seiner Tapferkeit aufkommen lassen, musste wie festgewurzelt an seinem Platz stehen bleiben und kein Glied ausser dem Handgelenk rühren. Die "Paukhelden" waren jedoch stolz darauf, wenn sie einen Renomierschmiss davontrugen.
Unter dem Begriff "Progress" wurde 1839 erstmals in Göttingen die Abschaffung der akademischen Freiheit gefordert. ausgehend vom Grundsatz der Freiheit und Gleichheit für alle wurde insbesondere die Abschaffung der akademischen Gerichtsbarkeit und des Duells verlangt.
1847 wurde an der Universität Dorpat zum erstenmal der Duell-Zwang aufgehoben. Neben dem Duell stand nun gleichberechtigt das Ehrenverfahren. Es genügte die ehrenwörtliche Erklärung eines Teils, dass es gegen seine Ueberzeugung sei, sich zu schlagen.
In der Mitte des Jahrhunderts begann eine neue Zeit der Studentengeschichte. Ein frisches und kräftiges Studentenleben konnte sich entfalten. Zahllos blühten neue Verbidnungen auf, und zwar auf der Basis von Wissenschaft und jugendlich freier Geselligkeit.(Zusammenschluss der farbentragenden Verbindungen im C.V.)
Gegen 1870 gerieten die Corps in eine schwere Krise. Das übertriebene Mensur- wesen, der damit verbundene finanzielle Aufwand, die Ueberheblichkeit und der Hang zum Luxus vertrieben den Nachwuchs.
Bei den Burschenschaften war der grosse Traum eines geeinten deutschen Reiches 1871 verwirklicht worden. Welches neue Leitbild sollten sie nun an seine Stelle setzen? Eine Identitätskrise war die Folge, und der Nachwuchs blieb auch bei ihnen aus.
Die grosse Zeit der Farbentragenden war endgültig vorbei. Die Korporationen konnten zwar überleben und frönten noch bis zum Beginn des Dritten Reiches einem ausgeprägten Nationalismus. War die äussere Form des Auftretens auch umstritten, so konnte dem Verbindungsleben doch zu keiner Zeit die unbeschwerte Fröhlichkeit und unverbrüchliche Freundschaft abgesprochen werden.
Von der französischen Revolution zum Schweizerischen Bundesstaat
Auch unser Land war zu Anfang des 19. Jahrhunderts tiefgreifenden politischen Veränderungen ausgesetzt. Die Städte mussten sich von alten hierarchischen Zunft-Strukturen zu einem demokratischen Verständnis finden, und die Landkantone nussten aus wirtschaftlicher Notwendigkeit mit den florierenden Städten näher zusammenrücken und von ihrer demokratischen Eigenständigkeit mehr abgeben als ihnen lieb war.
Ueber die Frage, ob der künftige helvetische Staat ein loser Staatenbund oder ein zentral geführter Bundesstaat werden sollte, erhitzten sich die Gemüter. Die Auseinandersetzung führte letztendlich zum Sonderbundskrieg und zum Kulturkampf, weil die Stadtkantone mehrheitlich protestantisch und die Landkantone mehrheitlich katholisch waren.
Die liberalen Kräfte gewannen schliesslich die Oberhand und übten ihre Macht erfolgreich und mit äusserster Kompromisslosigkeit aus. Zur Sicherung des akademischen Nachwuchses gründeten sie 1819 die Zofingia, aus der sich 1832 die Helvetia abspaltete.
Die konservativen Kräfte setzten dieser freisinnigen Sammlung von Akademikern 1841 die Gründung des Schweizerischen Studentenvereins entgegen. Es ist bezeichnend für die politische Zielsetzung des StV, dass erst 1851 das rot-weiss- grüne Band und 1860 die rote Mütze eingeführt wurden. Die politischen Beweg- gründe waren damals viel wichtiger als die studentische Geselligkeit.
Sowohl konservative als auch liberale Verbindungen waren in der Schweiz fest in der Demokratie verwurzelt. Jede Form von übertriebenem Nationlismus war ihnen fremd, weil es im Gegesatz zu Deutschland über die Einigung des Vaterlandes keine Zweifel gab. Toleranz war auch gefordert durch das Bestehen fremdsprachiger Verbindungen, und die Duellierfreudigkeit hielt sich in Grenzen, weil es an adligen Kommilitonen fehlte, die eine entsprechende Haustradition ins Verbindungsleben einbringen wollten.
Trotz diesen Verschiedenheiten gab es immer Kontakte zu den deutschen Verbindungen. Studierten doch viele Schweizer an deutschen Universitäten und nicht zu vergessen sind die schweizerischen Verbindungen in München und Freiburg i.B., die sinnigerweise beide Helvetia hiessen.
Zum Schluss kann uns nichts darüber hinwegtäuschen, dass die frabentragenden Studenten langsam aber stetig zu Brauchtumspflegern geworden sind. Die Tatsache aber, dass für die meisten von ihnen die Jahre in der Verbindung mit vielen dauernden Freundschaften, zu den schönsten und erlebnisreichsten zählen, dürfte Grund genug sein, dieses Brauchtum weiterhin mit Liebe und Hingabe zu pflegen.
Der Komment als Standesordnung
Zur Zeit der Hospize ging es nur darum, einen einigermassen geordneten Kommers zu veranstalten und sich allenfalls tüchtig zu schlagen. Später beeinflussten Abkömmlinge aus französischen Adelsfamilien durch auswärtigen Sitten und Bräuche das Studententum. Sie brachten eine Summe von Regeln hervor, die man Purschenraison nannte.
Die Zeit des Sturms und Drangs gab in den folgenden Jahrzehnten dem Studenleben einen völlig anderen Charakter, eine Ausgestaltung des schon früher bekannten Renomistentums mit seiner urteutonischen Roheit und Wildheit und seit 1770 tauchte dafür ein neues, wiederum französisches Wort auf, der Comment, eine Standesordnung für das gesamte studentische Leben. Der älteste schriftlich niedergelegte Komment stammt aus dem Jahre 1791 als Vereinbarung der Orden und Landsmannschaften. Er diente als Grundlage für alle späteren Fassungen.
Ein wesentlicher Abschnitt war dem Zweikampf gewidmet, und ein weiterer wichtiger Teil des Studentenlebens bildete von jeher das gesellige Trinken.
Aus den verschiedenen Schmäusen, entwickelten sich mit den ersten Anfängen eines Trinkrechts (Jus potandi) die Hospize, die auf den Buden oder auf der Strasse abgehalten wurden. Ab 1790 bezeichnete man die studentischen Zechereien als Kommerse und heute ist dafür auch das Wort Kneipe üblich.
Der umstrittenste Teil der studentischen Standesregeln ist der Trinkkomment. Das Zechen war von jeher Bestandteil studentischer Geselligkeit. Aber die übertriebene Entwicklung der Trinksitten früherer Zeiten darf nicht allein den Studenten zuge- schrieben werden. An ihr war damals das gesamte Volkstum beteiligt. Unmässiges Trinken war das bevorzugte Laster des 16. Jahrhunderts.
Das Jus potandi des Blasius Multibibibus
Schon 1615 erschien ein Jus potandi oder Zechrecht, ein Vorläufer des Trink- Komments von Blasius Multibibibus verfasst und aus dem Lateinischen übersetzt von Elisabetham Schwinutzki. Das Werk war so gefragt, dass schon nach einem Jahr eine zweite Auflage gedruckt werden musste und von da an gab es zahlreiche Nachdrucke und Bearbeitungen.
In 60 Kapiteln erzählt der Verfasser alles was er vom Trinken zu sagen hat. und was er beim Trinken beachtet wissen will. Er sieht im Zechen nichts anderes als ein tapferes, rittermässiges Scharmützel, welches mit Kannen, Gläsern und dergleichen ausgefochten wird. Das Zechrecht aber, das sich daraus ergibt, umfasst nach seinen Worten alle Gebräuche, Solennitäten und zu solchem Werk gehörige Zeremonien.
Nach einer langen Einleitung über die verschiedenen Feste und Getränke beginnt das neunte Kapitel mit einer eingehenden Beschreibung der Art und Weise des Zechens.
Es gibt zwei Arten: totales und partiales, je nachdem, ob man das Glas in einem Zug hinter die Binde giesst oder nur zum Teil. Füllt man erst mit dem Trank den Mund an, ehe man die Flüssigkeit die Gurgel hinabrinnen lässt, nennt man das floricos, im Gegensatz zu hausticos. Floricos trinken heisst, den Rand des Glases mit den Lippen des Mundes zu umschliessen und mit einem Sturm den zugebrachten Trank in die Gurgel schütten. Dabei werden durch den Widertrieb des Atems kleine Bläslein auffahren, welche wir Flores, zu deutsch Blümlein oder Röslein nennen.
Die Verpflichtung, sich nach den Trinkmanieren zu richten, ist unzweifelhaft. Einen Ehrentrunk einem Freunde zuliebe zu tun, gebietet der Anstand. Ganze auf einen Zug, continue zu trinken ist man gelegentlich durchaus verpflichtet.
Dann wird die heikle Frage behandelt, ob eine Jungfrau, die so einem Studio zur Seite sitzt, bei einem Trünklein ein wenig helfen darf? Ja, ja, in alle Wege, "Qui minima non curat Praetor" (Ja, aber nicht mehr als der Bursche). Hingegen darf sich keiner unterstehen, ein altes Weib als Helferin zu haben, denn solche saufen gern ein Mehreres als sein sollte.
Bemerkenswert ist auch die Frage der "Degradation".
Kann ein Adliger mit einem ehrlichen Studioso Fraternität und Verbündnis schliessen? Gott sei Dank ja! Der Adel behält dabei ebenso seine Reputation wie der Student, der sich herablässt mit einem Mercator oder Kaufgesellen auf Brüderschaft zu trinken.
Darauf folgt das äusserst interessante Kapitel über die angewandten Methoden ( in gekürzter Fassung wiedergegeben):
Das Trinken kann auf viel und mancherlei Weise geschehen. Wir wollen aber nur auf Weniges eingehen. Einige heben, wenn sie trinken, das Glas mit dem Munde auf, etliche fassen es mit der oberen Lippe, damit sie mit zur Erde gestürztem Kopf trinken können, und andere nehmen zwei Gläser und trinken sie miteinander zugleich aus. Andere fassen das Glas nicht mit der Hand, sondern unter dem Arm. Andere stürzen das Glas an die Stirn, damit also das liebe Getränk allgemachsam an der Nase, als in einer Rinne, zum Munde herab fliesse. Gewisse Gestikulationen und Zeremonien haben eigene Namen, so der Curl, Murl, Puff, bei dem der Bart auf vielfältige Art gereinigt wird. Dann sollte bei gewissen Trünken mit den Füssen getappt, mit den Fingern geschnippt, eins gepfiffen oder andere seltsame und phantastische Possen gebraucht werden. Dann gibt es das "Poculum latinum", das "Rösslein verkaufen", das "sine Tuck" usw.
Das nächste Kapitel ist dem Trunk in Damen-Gesellschaft gewidmet.Dazu meint der Verfasser folgendes:
Wenn an einem Tisch, nicht anders als die Tauben pflegen, Paar um Paar, Jungfrauen und Gesellen, zusammensitzen und mit den Goldfingern zugleich einander halten, von unten mit beiden Händen das Glas ergreifen und also zu beiden Teilen gleichsam, als mit zusammengereckten Schnäbeln trinken und hernach solchen Trunk und ehrbare Gesellschaft mit einem beiderseits geleisteten Kuss als einem Siegel bestätigen, und solch löblicher Brauch allenthalben in Uebung wäre, wollte man schwören, dass der Trunk noch einmal so wohl schmecken sollte.
Ein nächstes Kapitel rechnet mit all den unflätigen Manieren ab, wie dem unlöblichen Brauch, das Mobiliar zu beschädigen, den Ofen zu stürmen und die Kacheln zum Fenster hinaus zu werfen. Wichtig ist auch der Hinweis, ob die Speiaktion (Kotzen) in vieler Leute Gegenwart etwa eine turpido oder eine Schande sei? Im Allgemeinen hält man dafür: quod non! Aber wie verhällt es sich, wenn einer in Gegenwart etlicher Jungfrauen ein unflätiges Speymultum beginge und "ulricum" anriefe. Hier ist der Verfasser anderer Meinung, weil manche Jungfrau so etwas nicht gerne sehen würde.
Auch über ein weiteres Problem sind sich die Gelehrten nicht einig, ob nämlich ein guter Geselle, der da mitten unter den Jungfrauen zu Tische sitzt, salve honore könne aufstehen und hinausgehen, um Urinam zu redieren. Nachdem der Verfasser einen etwas gesalzenen Schwank erzählt, wie ein in die Enge getriebener Bursche sich geholfen hat, macht er den tiefsinnigen Ausspruch: Seid doch nicht gar so furchtsam und schüchtern, der Natur ihr Werk und Notdurft zu verrichten, welches doch die Jungfrauen selbsten, wie subtil, wie künstlich und klug sie sich auch bedünken, nicht durch die Rippen schwitzen.
Das vielgeübte Trinken führte zum Ersinnen immer neuer Gebräuche. Ein besonders feinsinniger Umtrunk ist gemäss Blasius Vielsauf von einem Freiherrn von Crailsheim überliefert. Dabei wird folgendes Liedchen gesungen:
Komm Mädgen, lass uns fahren nach Pim-Pam-Pum.
Das Gläschen, das geht rum, rum, rum.
Nach Pim-Pam-Pum, nach Pim-Pam-Pum, nach Pim-Pam-Pum.
Sobald derjenige, welcher am Singen ist, mit dem zweiten Vers anfängt: "Das Gläschen, das geht rum, rum, rum", muss der Andere zu trinken anfangen und zum erstenmal absetzen, wenn der Sänger beim "Pim-Pam-Pum" angelangt ist. Darauf muss er sogleich "Pum" sagen, und während "Pim-Pam-Pum" gesungen wird, trinkt man wieder, setzt zum zweitenmal ab und sagt "Pum", und beim drittenmal muss das Glas aus sein, und "Pum" ohne Verweilen gesprochen werden, oder es kostet Strafe.
Trinksitten des 19. Jahrhunderts
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es in Jena Sitte, im dortigen Gasthof zum Doctor cerevisiae et vini zu promovieren. Es trat dabei eine eigene Bierfakultät zusammen. An ihrer Spitze stand ein Dekan, der seinen Platz noch behaupten musste, wenn die übrigen Mitglieder bereits unter dem Tische lagen.
Ein neuer Anwärter hatte sich aus der feierlichen Runde sämtlicher Doctores cerevisiae et vini, nach der Begrüssung durch den Dekan, drei Oponenten zu erwählen, denen er soviel Bier nachtrinken musste, als diese ihm vortranken. Falls er diese Prüfung bestand, wurde er zum Doctor cerevisiae et vini erkoren und durfte von nun an in die Stammbücher die Zeichen seiner Würde schreiben: D.C. und darunter N.e.b. Doctor cerevisiae - nunc est bibendum! (Nun muss getrunken werden)
Beim berüchtigten Papstspiel befand sich auf dem runden Tisch, um den die Spielteilnehmer sassen, ein roulettartiges Spielzeug, und jeder, auf dessen Gebiet das Drehholz stehen blieb, musste eine Mass Bier trinken. Allmählich stieg so der einzelne Spieler vom ursprünglichen Philister durch sämtliche Stufen des Militär- und dann des Adelsstandes bis zum Kaiser auf, und ward dann Student und über vier Kardinalswürden schliesslich Papst, den man nun mit seinem Stuhl auf den Tisch setzte und mit einem grossen Bettlaken umhüllte. Während der Erwählte bei den zwölf Stophen eines Liedes je eine Mass Bier trank, bliesen alle Mitspieler aus ihren brennenden Pfeifen den Rauch unter das Laken. .
Der erste moderne Bierkomment von 1815
1815 wurde in Heidelberg der erste moderne Bierkomment gedruckt, der das gemütliche Zusammensein der Studenten regelte. In jener Zeit kam auch das Salamanderreiben auf, dessen ursprünglicher Sinn im Dunkel liegt. Vielleicht steht es in unaufgeklärter Beziehung zu einem freimaurerischen Brauch.
Die alten Bierspiele des achtzehnten Jahrhunderts fielen allmählich der Vergessenheit anheim, und die in Heidelberg (um 1830) übliche Bieruhr besass wohl kaum allgemeine Verbreitung. Dabei setzten sich die Mitspielenden um ein gemaltes, mit einem beweglichen Zeiger versehenes Zifferblatt, und jeder von ihnen erhielt eine der Stundenzahlen zugewiesen. Er musste nun ein halbes Glas Bier trinken, wenn der Zeiger auf seine Ziffer deutete. Hielt er bei unbesetzten Nummern, mussten alle trinken.
Die eigenartigste Ausgestaltung des Bierhumors zeigte sich in der Errichtung von Bierstaaten. Die Fahrt dorthin erfolgte mit grossem Pomp und Ross und Wagen. In Jena gab es ein Herzogtum von Lichtenhain und eine Grafschaft in Wöllnitz. Im ersteren hiessen die Fürsten alle "Tus", in letzterer alle "Popp". Die Burg des Wöllnitzer Grafen war eine einfache Bauernstube, sein Thron ein rotüberzogener Sitz aus einer Biertonne. Auf dem Tisch standen die hölzernen Trinkgefässe, Lanzen genannt. Der Wirt hiess Burgvogt, seine Gattin Burgfrau und die Mistpfütze vor der Tür war der Burgteich. Die älteren Burschen nannte man Ritter, die Füchse Knappen Eine stattliche Reihe von Titeln wie Erzbischof, Ambassador, Admiral, sowie eine Menge Bierorden aus Pappe und Blech belohnten den tapferen Trinker, der in mannigfachen Bierfehden den Gegner in den Sand gestreckt hatte.
Der erste allgemeine Deutsche Bierkomment
Im Jahre 1899 erschien im Reclam Verlag der erste allgemeine Deutsche Bierkom- ment. Bis dahin galten in jeder Verbindung trotz vielen Gemeinsamkeiten recht unterschiedliche Bräuche und Trinkgewohnheiten. Der Verfasser hat sich der Mühe unterzogen, das vorhandene Material zu sichten und einen allgemein gültigen Komment zu schaffen. Zweifellos hat dieses Werk viel zur Vereinheitlichung der Trinksitten beigetragen. Die Einleitung ist auch nach hundert Jahren immer noch aktuell, wie eh und je.
Einleitung zum ersten Allgemeinen Deutschen Bierkomment von 1899
Bei lieben Freunden,
Bei ihren Scherzen
Schwinden die Sorgen,
Schweigen die Schmerzen;
Drückt Kummer deinen Sinn,
Eile zur Kneipe hin:
Salve Gambrine!
Ein "Allgemeiner deutscher Bierkomment" nennt sich dieses Büchlein, mit Recht, denn es ist wirklich aus den verschiedenen Kneip-Kommenten hervorgegangen, die an den verschiedenen Hochschulen und bei den verschiedenen studentischen Korporationen praktiziert werden. Dabei ist alles sorgfältig nachgeprüft und verglichen worden, sodass eine kritische Ausgabe zustande kam.
Die Kneipzeremonien sind im allgemeinen ziemlich einheitlich. Bei den feierlichen Zeremonien ist aber die Zahl der Abweichungen Legion. Jede Stadt und Korporation hat mit mehr oder weniger Glück und Poesie ihre eigenen Aenderungen getroffen.
Der Herausgeber hofft, dass hiermit ein allgemeiner Komment geschaffen wurde, der sich beim grösseren Teil der Studentenschaft einbürgern dürfte, und, dass dieses Büchlein auch einiges kulturhistorisches Interesse beanspruchen darf. Man mag über den Kneip-Komment denken wie man will, jedenfalls existiert er und lässt sich aus den Blättern der Geschichte des Studententums nicht löschen. In all seiner Eigenart ist er ein kulturhistorisches Denkmal und in jedem Falle wert, in authentischer Form festgehalten und überliefert zu werden.
Der studentische Kneip-Komment hat nämlich in neuerer Zeit viele Gegner gefunden. Man hat von unwürdigem, ja sogar von unmoralischem Zwang, der dem einzelnen angetan würde, gesprochen und noch tausend andere schreckliche Szenarien geredet. Es ist aber bei weitem der Komment nicht so schlimm, und vor allem wird er nicht so schlimm gehandhabt, als er gamacht wird. Dass in der Tat die Tage der strengen und rücksichtslosen Anwendung gezählt sind, ist wohl allgemein richtig und wird auch kein Schaden sein; dass aber die Füsse derer, die jeglichen Komment begraben wollen, bereits zwischen Tür und Angel ständen, ist unrichtig und wäre auch zu bedauern: Denn Komment muss auf der Kneipe herrschen, so gut wie für andere Versammlungen Statuten und Debattenordnungen da sind. Der Komment ist, wenn er verständig gehandhabt wird, kein notwendiges Uebel, sondern vielmehr ein unumgängliches Mittel, um die Ordnung zu wahren und die Gemütlichkeit zu heben.
Man hat so oft klagen gehört, dass zufolge des Komments der eine oder andere Student dem Trunk verfallen und verkommen sei. Das ist wohl nur äusserst selten vorgekommen. Wer derartige persönliche, traurige Erfahrungen machte, wird zugeben müssen, dass solche Leute nicht Opfer des Komments geworden sind, sondern durch Suff ohne Regeln nach eigener Wahl und Qual zu Grunde gingen, und dass dies allermeist sogar Studenten sind, die nie einer Korporation angehörten, also niemals einem Komment unterstanden sind.
Aber für die fanatischen Gegner studentischer Sitten und für solche, die in jeder Weinflasche einen Nagel zum Sarge der Menschheit und in jedem Bierkrug einen Baustein zu deren Grabgewölbe sehen, ist dies Büchlein ja nicht gedruckt worden. Mögen diese sich immerhin daran entsetzen. Vielleicht lernen sie bei dieser Gelegenheit den vielgeschmähten Komment wirklich kennen. Es wäre dann wenigstens Einiges zu ihrer Belehrung erreicht, ob es zur Bekehrung reicht - ?
All denen aber, für die es geschrieben ist, sei das Büchlein angelegentlich empfohlen. Denen, die es noch angeht, die noch sorgenlos und ungebunden die köstliche, goldene Zeit ihrer akademischen Jahre geniessen, denen die es einst anging, als liebe Erinnerung an längst entschwundene frohe Stunden und die alte Burschenherrlichkeit, denen, die Kulturgeschichte treiben, als ein kleiner Beitrag aus der Zahl der vielen kulturhistorischen Denkmäler, die das Studententum bietet; allen zu Freud' und Nutz.
Geschrieben zu Rüdesheim am Rhein, am Tag der Sommersonnenwende 1899
Dr. A. Gerlach
Der Komment als Standesordnung
Schon im Mittelalter waren die Studenten an der ersten und wichtigsten Universität in Paris straff organisiert. Sie hatten je nach Herkunft einer der vier Nationen beizutreten und dort Ihr Mitspracherecht wahrzunehmen. Bei ihrem Eintritt mussten sie eine Eidesformel ablegen: "Ich schwöre, dass ich die Versammlungen der Nation besuchen will, so oft ich geladen werde, und dass ich mich an der Beratung gewissenhaft beteiligen werde, dass ich die Ehre der Korporation, sowie meiner Nation wahren will und niemandem Geheimnisse, die ich dort vernehme verraten werde."
Die grosse Zahl von überlieferten Gebräuchen und Lebensgeschichten gibt uns einen guten Einblick in das Studentenleben jener Zeit, obwohl die erste eigentliche Standesordnung erst im 18. Jahrhundert geschaffen wurde. Damals kamen durch den Kontakt mit Studenten aus französischen Adelsfamilien neue Sitten und Gewohnheiten in das Studentenleben, die in einer Summe von alten und neuen Regeln als Purschenraison festgelegt wurden. Sie betrafen vor allem die Kleidung, den gesellschaftlichen Umgang, das Duellwesen und die Trinksitten.
Nur einige Jahrzehnte später prägte die Zeit des Sturms und Drangs wiederum ein völlig neues Erscheinungsbild der Studenten. Das Renommistentum kam zu höchster Blüte und zeigte die Musensöhne mit zunehmender Wildheit und Rohheit. Für die Purschenraison kam nun ein neues Wort in Gebrauch, der Komment.
Auch er umfasste alle wesentlichen Regeln über Sitten und äusseren Anstand und erhielt so die Bedeutung einer Standesordnung, eines Gesetzbuches für das gesamte studentische Leben. Der älteste schriftlich niedergelegte Komment wurde 1791 unter den Orden und Landsmannschaften in Jena vereinbart. Er bildete die Grundlage für alle späteren Fassungen.
Auch der Komment der AV Bodania gibt sich als Standesordnung im Paragraph 1 wie folgt zu erkennen:
Er umfasst die Gesamtheit der Regeln, Formen und Institutionen, die dem Ausdruck studentischer Standesauffassung, der Aufrechterhaltung der Ordnung und der Hebung der Gemütlichkeit dienen.
Der Bodaner-Komment besteht aus drei Teilen: dem Farbenkomment dem Trauerkom- ment und dem Trinkkomment.
Der Farbenkomment umfasst alle Regeln und Gewohnheiten, die in der AV BODANIA in Bezug auf ihre Farben hinsichtlich des Benehmens und des Grüssens zu beachten sind.
Die Verbindungen gehören zu den wenigen Standesvertretern, die sich heute noch durch das Tragen von Mütze und Band oder den Wichs öffentlich zu erkennen geben.
Deshalb ist das Auftreten ihrer Mitglieder für das Ansehen der Gemeinschaft von besonderer Wichtigkeit. Das Bekenntnis zu den Farben heisst Verantwortung für jeden Einzelnen. Der Farbenkomment unterstützt aber auch in besoderem Masse das Zusammengehörigkeitsgefühl und begünstigt den Hauptzweck der Verbindung, die Bildung von Lebensfreundschaften.
Ein wichtiger, sehr umfangreicher Teil der Standesordnung war früher dem Fecht- Komment gewidmet. Das Waffentragen war für die Studenten ein äusseres Zeichen der Wehrhaftigkeit und der akademischen Freiheit. Nachdem das Duellwesen in Ungnade fiel und das Waffentragen vielerorts verboten wurde, trat der Ziegenhainer oder Backel an ihre Stelle. In den Anfangsjahren der Bodania war der Backel mindestens an hochoffiziellen Anlässen noch üblich.
Der studentische Trauerkomment ist eine besonders eindrückliche und würdige Art von einem Freund und Mitglied der Gemeinschaft Abschied zu nehmen. Solange die AV Bodania an ihren Traditionen festhält und solange Freundschaften entstehen und ein Leben lang dauern, wird der Totensalamander immer ein würdiger und ergreifender Anlass bleiben. Die Erinnerung an Freundschaft und glückliche Tage ist nie so gegenwärtig wie am offenen Grabe. Es bleibt aber ein besonderes Anliegen, dass die Feier ausschliesslich im Studentenkreis stattfindet und nicht durch Oeffnung für weitere Teilnehmer zur reinen Zeremonie degradiert wird.
Der weitaus grösste Platz wird dem Trinkkomment eingeräumt. Er regelt auf etwas ungewöhnliche Weise das Zusammenleben in der Gemeinschaft, und wird von einer merkwürdigen Bestimmung eingeleitet:
Der Trinkkomment gilt, wo sich zwei oder mehr Bodaner zusammenfinden.
Es kann wohl niemals die Meinung der Verfasser sein, dass diese zwei Bodaner, jedesmal mit einem Kommers beginnen. Vielmehr soll der Trinkkomment auch dann Gültigkeit haben, wenn kein kommentmässiger Stoff vorhanden ist und man nicht der Gemütlichkeit frönt. Der Trinkkomment dient eben nicht nur als Ordnungsrecht bei Kommersen oder als Anleitung für die Gemütlichkeit. Er ist für Bodaner allgegenwär- tig. Er begleitet sie auf Schritt und Tritt, ja sogar ins spätere Leben.
Der Geist seiner Gesetzte regelt im übertragenen Sinne auf ungewöhnliche aber äusserst erfolgreiche Weise den "ritterlichen" Umgang mit anderen Menschen. Der geistige Zutrunk, oder die Erinnerung an das Prinzip "erst Saufen, dann rempeln" u.v.a. können auch im späteren Leben hilfreich sein.
Während der Aktivzeit wird mit dem Trinkkomment die Frage der Verantwortung für das Tun und Lassen in der Verbindung entscheidend geregelt.
Der Senior ist in allen Angelegenhheiten omnipotent und kann nur im BC zur Rechenschaft gezogen werden. Bei seiner Abwesenheit übernimmt der Consenior oder das älteste Semester die Verantwortung.
Wo immer also zwei oder mehr Bodaner beisammen sind, wird in wechselndem Rollenspiel Verantwortung wahrgenommen oder Unterordnung geübt. Wahrlich keine schlechte Lebensschule. Keiner darf abseits stehen, denn entgegen allen modernen Zeitströmungen des individuellen Egoismus pflegt die Bodania noch eine Tradition der Gemeinschaft, die wie jede andere auf freiwilliger Unterordnung und wahrgenomme- ner Verantwortung gründet.
Wenn der Trinkkomment zu berechtigter Kritik Anlass gibt, ist die Ursache immer ein Mangel an Verantwortungsbewusstsein und Selbstdisziplin. Dies ist wohl die wichtigste Botschaft, die dem Fuchsenstall übermittelt werden muss. Die rote Mütze ist ein ernsthaftes Bekenntnis zur Standesordnung und Gesinnung.
Wann immer aber diese Verantwortung wahrgenommen wird, lassen wir uns von keinem griesgrämigen Philister die gesellige Freude bei Gesang und Becherklang verderben. Dann wollen wir frohen Herzens nach den Regeln des guten alten Bierkomments die kleinen "Scharmützel des ersten Jus potandi" austragen, die wunderschönen alten Studentenlieder singen und die Freundschaft pflegen.
Dem Zutrinken ist ein besonders breiter Raum gewidmet, und dies zu Recht. Der Zutrunk spielt eine viel bedeutendere Rolle, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Er ist in erster Linie ein Zeichen der Sympathie, der Wertschätzng, der Anerkennung. Er kann aber auch ein Zeichen der Versöhnung sein, wenn er nach hitziger Debatte einem Kontrahenten dargeboten wird. Er kann ironisch gemeint sein und tadeln oder pardonieren. Dies und noch viel mehr kann der Zutrunk zum Ausdruck bringen. Er ist eines der subtilsten Elemente, um die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft zu gestalten.
Umsomehr ist zu bedauern, dass im Bodaner Bierkomment eine der wichtigsten Bestimmungen fehlt:
Der stille Suff ist verpönt.
Dieser Paragraph, der normalerweise in jedem Komment enthalten ist, dürfte einer unsachgemässen Revision zum Opfer gefallen sein. Er verpflichtet die Zecher, jeden Schluck nur gemeinsam oder als Zutrunk zu kredenzen und bewahrt so für alle Zeiten vor dem einsamen Trinken, weil es einfach keinen Spass macht.
Nun wäre noch Vieles zu sagen über Bierspiele und Bierstrafen und andere "Solennitäten", die das heitere "Scharmützel" bereichern, über die vielen prächtigen Studentenlieder, die zum Träumen einladen und die Lebenslust fördern. Sie tragen alle zum unvergesslichen Erlebnis der "alten Burschenherrlichkeit" bei.
All jene, die diese Burschenherrlichkeit jetzt erleben und all jene die sie einst erlebt haben, wundern sich in gleichem Masse über die magische Faszination dieses vielgeschmähten Bierkomments, der auch im späteren Leben immer noch gegenwärtig bleibt. Was man so gerne als jugendlichen Uebermut bezeichnen möchte, hat seine Spuren hinterlassen und das Wesen eines Bodaners mitgeprägt. Wer gelernt hat frohmütig zu sein, wird eben auch später oftmals nur ein "Scharmützel" austragen, wo andere schon vom Kampf des Lebens sprechen.
nach einem Artikel in der Zeitschrift Academia
Intern 1/98
von Ernst Exner, Pan
"Cerevisia" ist ein lateinisches, aus dem Keltischen entlehntes Wort und heisst "Bier". Um 1840 ist eine kleine und schirmlose Mütze entstanden, in den Verbindungsfarben, mit dem Zirkel und mit Wein- oder Eichenlaub bestickt. Sie hiess zunächst "Cereviskappe" oder "Bierkappe", erst um 1850 hat sich dafür die Bezeichnung "Cerevis" eingebürgert. 1905 findet sich dann auch die spöttische Bezeichnung "Bierdeckel".
Als Ehrenwort beim Trinken findet man den Begriff "Cerevis" schon um 1825, als Schwur auf die Bierehre: "Bei meinem Cerevis" oder "Ich gebe Dir mein Cerevis". Das sogenannte "grosse Cerevis" galt 1846 bei Studenten vor Gericht an Eides statt.
Was bei uns der "Flaus" ist, heisst in Deutschland "Pekesche". "Flaus" nennt man heute einen einfachen "Kneiprock", für den man um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Bezeichnung "Gottfried" findet. "Flaus" oder auch "Flausch" kommt aus dem niederdeutschen "vlus" oder "vlusch". So bezeichnet man ein Schaffell, denn ursprünglich war der Flaus aus Wolle.
"Pekesche" wird vom polnischen "pekieska" bzw. dem ungarischen "bekesz" d.h. "Pelz" abgeleitet und geht auf einen in Polen seit dem 16. Jahrhundert verwendeten Ueberrock zurück. 1781 wird eine solch taillierte Jacke als Bestandteil der studentischen Tracht beschrieben, die allerdings dann nicht mehr aus Pelz, sondern aus Samt und später auch aus Tuch gefertigt wurde. Sie wurde eine Zeit lang auch "Polnischer Rock" oder "Polonäse" genannt.
Das Wort "Schärpe" mutiert vom lateinischen "scirpea", der Binsentasche über die französische "écharpe", der Armbinde, zur deutschen "Scherpe". Als Schulterschärpe wurde sie bereits von den Landsmannschaften im 17. Jahrhundert getragen. In der Urburschenschaft war die Schärpe Amts- und Festzeichen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gehört sie nur mehr zum Chargenwichs.
Das Wort leitet sich vom lateinischen "canna", "Rohr" ab. "Kanonen" waren steife Reiterstiefel bezw. Schaftstiefel, die bis an die Hälfte der Oberschenkel reichen und von den Studenten fast allgemein bis um 1850 getragen wurden und, da man den Schaft mit einem Kanonenrohr verglich, so genannt wurden. Was wir heute als "Kanonen" bezeichnen sind nur noch die Schäfte dieser Stiefel.
Die zum Wichs gehörende weisse Hose war ursprünglich aus Bocksleder und wird daher "Bux" oder "Buchse" genannt. Um 1900 war "Bux" eine spöttische Bezeichnung der Corpsstudenten für Burschenschafter.
Die Studenten des 16. und 17. Jahrhunderts führten den sogenannten "Raufdegen" bei sich. Daraus entstand im 18. Jahrhundert eine Hiebwaffe mit gerader Klinge. Man unterscheidet den "Glockenschläger" mit einem halbkugelförmigen, nur faustgrossen Metallhandschutz, eben der "Glocke" und den "Korbschläger", der einen grossen Handschutz aus mit Blech unterlegten Bügeln hat, wobei das Blech zwischen den Bügeln mit Stoff in den Verbindungsfarben überzogen ist. Der Schläger gilt als Symbol der Wehrhaftigkeit, aber auch der akademischen Freiheit. So verstehen ihn heute die nichtschlagenden Verbindungen.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich folgende Einteilung der Studenten- schaft herausgebildet:
Die Bedeutung des Wortes "Fink" hat eine wechselvolle Geschichte. Um 1600 heisst der Karzer, in den die "losen Vögel" gesteckt wurden, "Finkenbauer". Ein "Fink" ist nicht nur ein liederlicher Student, sondern auch ein armer, der sich keiner Korporation anschliessen kann. Um 1800 nannten Landsmannschafter jene Studenten, die nicht bei ihnen eintraten "Finken", weil sie einsam auf ihrer Bude wie ein Fink im Käfig hocken mussten.
In den einzelnen Universitätsstädten gab es unterschiedliche Bezeichnungen für nichtkorporierte Studenten, wie z.B. Kamel, Wilder, Bummler, Mohr, Beduine, Nachtstuhl, Bär, Neger, Obskurant oder Kaffer. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich aber der Begriff "Fink" für einen nichtkorporierten Studenten allgemein durch.